SZ 21.2.2005
Premiere von Puccinis „La Boheme" im Kubiz Unterhaching
Das Alphabet von Liebe und Tod
Mit Spielfreude und Fantasie zeigt das Freie Landestheater Bayern große Oper auf kleiner Bühne „La Boheme!" Das Wort mit seinen dunklen Vokalen und weichen Konsonanten beschreibt eine ganze Welt - die Welt der Maler, Dichter und Philosophen. Die Boheme ist in Paris zu Hause, im Quartier Latin. Sie wohnt in einer kleinen Mansarde, eng, zugig und ungeheizt, aber frei wie ein Vogel. Wie man „Boheme" buchstabiert, zeigte am Samstagabend das Freie Landestheater Bayern mit seiner in italienischer Sprache gesungenen Premiere der Puccini-Oper im Kubiz Unterhaching, das bei dieser Aufführung zwar an die Grenzen seiner räumlichen und akustischen Kapazitäten stieß, aber für diese Inszenierung dennoch ideal bemessen war.
„B" steht für Bühnenbild (Simone Speer). Die vier Bilder der 1896 uraufgeführten Oper sind eingebettet in einen gigantischen Bilderrahmen mit einem transparenten Vorhang, auf den ein Gemälde und die schemenhaften Figuren der Akteure projiziert werden. Das Bild sorgt nicht nur für Atelier-Atmosphäre, es ist auch Symbol für den Gegensatz zwischen Schein und Sein. Bevor es richtig losgeht, treten die befreundeten Künstler Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline nacheinander aus dem Bild auf die Bühne, auf der die sechs Buchstaben des Wortes „Boheme" nebeneinander stehen wie große Bauklötze. Jeder holt sich aus einem der wie ein Wandschrank konstruierten Lettern sein Kostüm, zieht sich an, und im Handumdrehen werden aus den Buchstaben die Möbel der Mansarde. In einem großen Haus hätte dieses fantasievolle Spiel mit den Möglichkeiten der Guckkasten-Optik einen Teil der Zuschauer gar nicht erreicht im Kubiz dagegen ist genug Nähe zum Publikum da.
Der zweite Buchstabe, das „O", steht fürs Orchester. Markus Elsner dirigierte Musiker und Sänger mit großer Sorgfalt. Die Szenen, in denen die Freunde miteinander trinken, scherzen und streiten, nimmt er temporeich, um bei den großen Arien die Sänger zu unterstützen und alle Klangfarben der zärtlichen oder dramatischen Gefühle auszuloten.
Die Handlung (Buchstabe „H") gleicht einem rasant sich drehenden Karussell aus Liebe, Eifersucht und Trennung. Das könnte ermüdend wirken, wären da nicht die Spielfreude der Darsteller und die leichtfüßig, komödiantisch angelegte Inszenierung von Marianne Loy Ob Parpignol, der Spielzeug-Verkäufer, als Micky-Maus auftritt. ob sich die hitzköpfigen Künstler mit Salzheringen duellieren oder sich an „Flammen" aus roten Tüchern wärmen - der Zuschauer freut sich schon auf die nächste Szene, lacht und leidet mit. Genau das sollte Oper sein.
Folgt das „E" für ein überzeugendes Ensemble unter der künstlerischen Leitung von Rudolf Maier Kleeblatt. Herausragend loanis Ikonomou als Rodolfo. Sein junger, lyrisch zarter, aber auch kraftvoller Tenor wärmte nicht nur die lungenkranke Mimi Stark auch der Bariton Marcello (Felipe Peiró) sowie der Musiker Schaunard (Ivan Orescanin) und der Philosoph Colline (Uwe Griem). Musette (Beate Gartner) akzentuiert farbig und emotional packend. Die anderen Rollen sowie Chor und Kinderchor lieferten eine gelungene Ensembleleistung.
Der wichtigste Buchstabe ist das „M" Mit der berühmten Arie „Mi chiamano Mimi" stellt sich die todkranke }urige Frau ihrem Nachbarn Rodolfo vor. Ein ganzes Bündel an Emotionen liegt in dieser Arie Mimi kokettiert in rührender Unschuld, fragt, redet sich in Eifer, entschuldigt sich, spürt, wie ihre Kraft nachlässt Heidekinde Schmid gestaltete ihre Mimi wunderbar feminin, ihr Sopran ist stark warm und sehr klar.
Beim „E" ist das kleine Alphabet zu Ende. Der Vorhang zwischen Bild und Bühne, Schein und Sein, Leben und Tod öffnet sich. Mimi, nach langer Trennung mit Rodolfo vereint, stirbt. Die Freunde, die eben noch ausgelassen getanzt haben, besorgen einen Muff und Medizin, opfern gar einen Mantel, um sie zu retten. Vergebens. Im Saal ist Totenstille Das Publikum muss erst Atem schöpfen, dann ist Raum für anhaltenden und jubelnden Applaus.
RITA BAEDEKER
Münchner Merkur 21.2.2005
Das Wissen um die bittersüße Welt der Puccini-Oper
Vollendete "Bohème" im Unterhachinger Kulturzentrum
VON MANFRED STANKA Unterhaching - Von diesem "Lumpenpack" wollte der berüchtigte Wiener Kritiker Eduard Hanslick nichts wissen. Vier leicht heruntergekommene, alternde Lebemänner trösten sich am Tresen mit maskenhafter Selbstironie über ihre kargen Talente hinweg. Giacomo Puccinis "La Bohème" in der Premiere des Freien Landestheaters Bayern beschränkt sich zunächst auf Stille, Gläsergeklirr, auf Schulterklopfen und Resignation. Das Verlierer-Quartett blickt auf eine Jugend zurück zwischen Sonne und Mond, Lilien und Rosen, Händchen und Herzen. Erwartungsvolle Unruhe erfüllt das Unterhachinger Kubiz.
Aus dem Orchestergraben schmettern endlich die aufgeregen Anfangsakkorde und lösen sich auf in melodische Gedanken. Einzelne Instrumente treten gelegentlich hervor - Cello, Harfe, Klarinette und tiefe Flötentöne. Und in der gemeinsamen Erinnerung, in dieser Suche nach der verlorenen Zeit erklingt noch einmal dieser Hymnus an Liebe und Tod - angestimmt von jungen Traumtänzern im Quartier Latin, die von einem Enthusiasmus getrieben werden, der sie zugleich beflügelt und verzehrt. Wie Markus Elsner am Dirigentenpult diese erste Szene mit dramatisch pulsierender Emotion vorantreibt, sich unerwartete Zäsuren gönnt und zu lyrisch-expressiven Ausbrüchen überleitet, das ist derart hin- und mitreißend, dass es den Hörer schlicht aus den Schuhen kippt und ihm über zwei Stunden hinweg einen Blick ins Puccini-Paradies vergönnt. Ohne Schlenker und Schleifer wird hier musikalische Dramatik pur geboten, wird die spezifische Atmosphäre einer jeden Phrase in Sekundenschnelle filigran umgesetzt und zwischen artifizieller und bitterer Süße in dieser Musik haargenau, also wissend unterschieden.
Sterbeszene wird zum Ereignis
Mimi und Rodolfo, der romantische Poet und die hüstelnde Näherin sind ein Traumpaar für die Oper: Ihre Hände finden sich im Dunkeln, zärtliche Liebe flackert auf. Und über die erste Begegung der beiden weben der Maestro und sein Orchester reine poetische Atmosphäre unvergleichlichen Zaubers.
Ioanis Ikonomous lyrischer Tenor mit herbem Kern demonstriert geradezu vorbildlich, wie man Spitzentöne strahlen lässt, ohne dass auch nur ein Ton "heraustrompetet" würde. Stimme, Sprache, Gesang und Artikulation, hier werden sie eins. Eine weniger zerbrechliche denn intensive Mimi gestaltet Heidelinde Schmid. Keinerlei Kratzer hemmt den Stimmfluss, und keinerlei Anstregung in Tiefe und Mittellage beeinträchtigen das edle Timbre. Die Höhe sitzt perfekt, nur gerät sie bei dramatischen Ausbrüchen etwas ins Flackern. Wunderbar, ihr schwebendes Pianissimo, das die Sterbeszene zum Ereignis werden lässt. Endlich auch einmal eine Musette, die nicht zwitschert, sondern sich voll Lebendigkeit das Kokotten-Kostüm überzieht. Mit großer stimmlicher Geste agiert das übrige Ensemble. Dazu kommt ein makelloser Chor und Marianne Loys Regie, die zumindest mit bruchlosen Aktübergängen verblüfft. Und so ereignet sich ein Bühnenwunder: das richtige Stück zur rechten Zeit in Idealbesetzung
MM 7.2.05
Zwischen sprühender Lebensfreude und dem Abgrund der Existenz
Herausragende Premiere von „La Boheme" im Waitzinger Keller
VON TOBIAS ÖLLER
Miesbach - Für das Opernpublikum des ausgehenden 19. Jahrhunderts war es wohl ein Quantensprung In eine neue Ära des Musiktheaters, denn Giacomo Puccinis „La Boheme" braucht keine großen Namen, um große Gefühle zu transportieren. Das Publikum blickt in die Welt der einfachen Leute: Rodolfo, der Poet, Schaunord, der Musiker, Marcello, der Maler, und der Philosoph Colline tragen die Armut wie eine Krone, persiflieren zuweilen das Gehabe der adeligen Herren und wandeln stets auf dem Grat zwischen sprühender Lebensfreude und dem Abgrund der Existenz. Ebenso schwankt auch die Musik zwischen schäumenden Dur-Kapriolen und ergreifender Melancholie - die Grenzen sind hier ebenso fließend verzahnt wie die Übergänge der einzelnen Szenen.
Mit viel Einfallsreichtum meistert die Inszenierung des Freien Landestheaters Bayern (FLTB) die emotionale Bandbreite des Puccini-Stücks. Donnernden Applaus ernteten nach der Premiere im Waitzinger Keller in Miesbach die grandiosen Solisten des Ensembles ebenso wie Chor, Kinderchor und das Orchester unter der musikalischen Leitung von Markus Elsner, Darüber hinaus Stellten die Akteure die hervorragenden akustischen Voraussetzungen der Stadthalle für Opernproduktionen unter Beweis, umso weniger verständlich erschienen dem begeisterten Publikum mehrere unbesetzte Reihen im Saal des FLTB-Stammhauses.
Berührungsängste mit der italienischen Oper jedenfalls scheiden als Beweggründe aus: Am Rand des Bühnenportals konnten die Besucher die Dialoge per Projektion in deutscher Sprache verfolgen. Das Stück stellt die ergreifende Liebesgeschichte zwischen Rodolfo und der todkranken Mimi in den Mittelpunkt, die den armen Dichter an den Rand der Verzweiflung treibt - schließlich kann er Ihr nur ein kaltes, zugiges Appartement bieten. Doch die Trennungsversuche, aus einem wilden Potpourri aus Fürsorge und Eifersucht geboren, scheitern. In einem zutiefst nahe gehenden Moment beschließen sie, den Winter zusammen zu verbringen: „Im April ist wenigstens die Sonne da."
Zum musikalischen wie mimischen Höhepunkt der Aufführung reifte das Quartett zweier vollkommen unterschiedlicher Liebespaare: Während sich Rodolfo und Mimi versöhnen, attackiert Marcello seine Geliebte Musetta mit einer Eifersuchtsszene. Die Tragik einer unabwendbaren Katastrophe betonten tiefe, schwere Bläser, bevor sich der Vorhang über einen düsteren Mullakkord senkte. La Bohèhme - eine Geschichte von Menschen, die nichts besitzen außer der Kunst und ihrer Liebe - hätte zweifelsohne ein ausverkauftes Haus zum Auftakt verdient gehabt.
MM 14.3.2005
Markus Elsner dirigierte “La Bohème",
„Bohème" leuchtet die Neonreklameschrift auf Holzkästen, die in einer Reihe vorn auf der Bühne stehen. Rodolfo, der arme Poet, und seine Freunde betreten die Bühne. Knipsen die Neonröhren aus, nehmen die Holzkästen auseinander, funktionieren sie zu Sitzgelegenheiten, Tischen, Schränken um und ziehen daraus Mäntel; Hüte, ja, sogar ein auf Pappkarton aufgemaltes Feuer. Alle diese Dinge sind in der Puccini-Oper nur Phantasieprodukte der vier armen Künstler und wurden von Simone Speer in liebevoll-witzige Bilder umgesetzt.
Wenige Mittel,, zu einem überzeugenden Ganzen fügt, so präsentierte sich Freie Landestheater Bayern mit der Inszenierung von Marianne Loy im Carl-Orff-Saal des Münchner Grasteig, Hauptelement des Bühnenbilds war ein überdimensionierter goldig, überdimensionierter Bilderrahmen, eine, Bühne auf der Bühne, die genau wie die schöne, niemals ins Abgründige gleitende Musik die vier Handlungs-Bilder einfasste. Davor und darin agierten die jungen Sänger und Sängerinnen, bei denen vor allem Ioanis Ikonomou als Rodolfo und Heidelinde Schmid als Mimt überzeugten, Ikonomou gab dem mittellosen Dichter mit voller, tragender Stimme eine anrührend innige Verliebtheit und Verzweiflung. Schmid stellte der mit kräftiger Stimme aus Liebe jubelnden Mmimi eine lyrisch-zarte, gebrochene Kranke gegenüber. Unterstützung erhielten dis Sänger von Dirigent Markus Elsner (Merkur-Förderpreisträger), der Puccinis Musik mit einer sehr klaren Vorstellung dirigierte und ein großes Ganzes zu schaffen verstand. Das kleine Orchester passte perfekt zur reduzierten, aber feinen Aufführung.
Karolina Schneider
SZ 11.4.05
"Che gelida manina" - "Wie eiskalt ist dies Händchen"
Überraschend opernhafte Momente
Vor allem die Sängerinnen und Sänger imponieren in der Aufführung von La Bohème in Karlsfeld. Wie einroter Faden zieht sich das Thema von Rodolfos berühmter Arie „Che gelida mania" (Wie eiskalt ist dies Händchen) durch Giagcomo Puccinis Oaper „La Bohème". Kaum vorstellbar, dass diese Arie, die zum Standartrepertoire jedes Tenors zählt, beinahe nie komponiert worden wäre. Erst kurz vor der Fertigstellung seiner Oper fügte Puccini die Arie ein, weil der Tenor bis zu diesem Zeitpunkt keine einzige große Arie hatte.
Und so wartet am Freitag'- im ausverkauften Bürgerbaus beinahe jeder Zuhörer gespannt, ob denn Ioanis Ikonomou als Rodolfo am Heiligabend des Jahres 1830 Paris das eiskalte Händchen von Strickerin Mimi (Heidelinde Schmid) angemessen würdigt. Er singt, ganz strahlender Tenor, mehr als angemessen, erweist sich im Verlauf der Aufführung der Freien Landestheater Bayern trotz einiger kleiner Schwächen als der Poet, den das Opernpublikum erwartet. Voller Schmelz erobert er Mimi; getrieben von Eifersucht und Sorge trennt er sich von Ihr, nur um die Trennung „bis Frühling" hinauszuschieben. Voller Dramatik und Schmerz nimmt er Abschied von ihr.
Und Mimi? Heidelinde Schmid macht kraft ihrer ausdrucksstarken Stimme aus der kleinen Stickerin eine große Persönlichkeit, die ist keineswegs ,ruhig und heiter’ (tranquilla e lieate), wie es in ihrer großen Arie Im ersten Akt heißt. Sie ist ein Mensch voller Lebensfreude, ein bescheidener Mensch, der sich über ein kleines Geschenk freut. Sie ist aber auch ne Fraus„ die mit fortschreitender Krankheit geradezu das Leben in sich hinein saugt und es mit großer Stimme ganz zart aushaucht.
Solisten, Chor und Kinderchor dieser Tourneebühne zeigten ihrem Publikum wieder einmal, - dass ständig wechselnde Aufführungsorte und -bedingungen der Qualität keinen Abbruch tun müssen. Eine kesse und dennoch mitleidsfähige Musetta (Beate Ganter), ein von Haßliebe zu ihr zerrissener Maler Marcello (Felipe Peiro), ein in den Tag hineinlebender Musiker Schauhard (Ivan Orecanin), aber auch Bassist Uwe Griem als philosophierender Colline wurden den Anforderungen ihrer Rollen stimmlich mehr eis gerecht.
Ihrer Glaubhaftigkeit stand jedoch eine einfallslose Personenregie im Wege. Sie zwang die Sänger über weite Strecken nebeneinander zu agieren, statt miteinander zu kommunizieren. Klug hatte dagegen Regisseurin Marianne Loy das Problem des Bühnenbilds in einem Saal gelöst, der sich für Operninszenierungen nicht besonders gut eignet.
Vor, in und hinter einem überdimensionierten Bilderrahmen agierten Sänger und Chor in der ansonsten eher kargen Requisits mal als Schattenfiguren, dann wieder in fröhlichen Kostümen. So hatte die Volksszene zu Beginn des dritten Aktes das von Puccini geforderte „opernhafte Moment" ebenso wie die geisterhaften, Endzeitstimmungen vermittelnden Straßenkehrer.
Dass nun auch das Freie Landestheater mit Übertiteln arbeitet, lohnte das Publikum ebenso wie einen insgesamt berührenden Abend.
DOROTHEA FRIEDRICH

