Premiere im Waitzinger Keller
Große Klasse auf kleiner Bühne
Wie ein Ensemble mit dem Zigeunerbaron in eine heile Welt entführt, ohne sich anzubiedern
Miesbach Heile Welt vorzuspiegeln hält man der Happy-End-Kunstform Operette gerne vor - und nimmt darin den Anspruch des Theaters, moralische Anstalt zu sein, ein wenig zu ernst. Natürlich ist Operette nicht per se abgeschmackt - alles eine Frage der Qualität. Und da ist sie beim Freien Landestheater Bayern (FLTB) in besten Händen. Die Premiere von Johann Strauß "Zigeunerbaron" am Freitag im Waitzinger Keller zeigte, dass dieses Ensemble in seiner Zieldefinition so exakt ist wie es im Einlösen seines Anspruches Klasse beweist. Es ist erstaunlich, welches Niveau diese Truppe mit geringen finanziellen Mitteln und einem Mitarbeiterstab, der nur teils aus Berufs-Theaterleuten besteht, erreicht.
Aus der Not - etwa der extrem kleinen Bühne - eine Tugend zu machen, gelingt dem FLTB mustergültig. So reichen dem Bühnenbild (nach Domi Hahn) wenige Versatzstücke, um die Konstellation zu klären: Von Zsupáns Edelanwesen sieht man nur das rundbogige Eingangstor, vom verfallenden Schloss, das gegenüber die Zigeuner beherbergt, bloß etwas Ruine. Die Puszta ist mit Schilf charakterisiert, der Rückprospekt ist nur Projektionsfläche für Lichtstimmung und im dritten Akt Ort des monumentalen k.u.k.-Doppeladlers, der mit einigen Parkrequisiten das kaiserliche Wien bezeichnet.
Auch die Beleuchtung, die dem Bühnenbild seine starke Atmosphäre verleiht, trägt zur Verdeutlichung bei, schenkt den Zigeunerszenen reizvolles Halbdunkel und das Gegenlicht der Mondnacht oder taucht die Freude über das Kriegsende in hauptstädtisch-klares Einheitslicht. Und die liebevoll gestalteten Kostüme setzen die Gruppen voneinander ab, das in seiner demonstrativen Reinheit stets etwas kompromittierende Weiß der ungarischen Herren gegen das vielfarbige Dunkel der Zigeunergewänder. So herrscht Klarheit, auch wenn es auf der Bühne eng wird.
In solchen Massenszenen muss sich die Regie besonders beweisen. Marcus Schneider zeigt nicht nur hier, dass er sich im besten Sinne aufs Handwerk versteht. Seine Inszenierung legt es nicht auf Interpretation an, sondern will die Substanz der Handlung verdeutlichen. Angestrengte Versuche von falschem Ehrgeiz unterbleiben, Schneider vertraut darauf, dass genügend Aussagekraft habe, was im Werk angelegt und ausgesprochen ist. Mit einfachen Kunstgriffen vermittelt er Zusammenhänge, so lässt er Czipra, die alte Zigeunerin, zur Ouvertüre über die Bühne streifen und zeigt damit, dass sie hier die Entwicklung steuert. Auf Klamauk grobe Effekte und Dialektzwang wird weitestgehend verzichtet, nur der reiche Schweinezüchter Szupán (gewohnt präziser Komiker: Alfred Hörmayer) darf breit ungarisch deklamieren. Seine Auftritte sind von Sauen und Ferkeln aus der Requisiten-Werkstatt begleitet, ein reizendes Detail zur Freude des Publikums. Publikumsgerecht ist die ganze Produktion, ohne sich anzubiedern.
So darf sich die Musik entfalten, und sie vor allem macht diesen Operettenabend so überzeugend. Die Herrlichkeiten, die Strauß hier ausgeschüttet hat, kommen, es wackelt nicht, die Wiedergabe ist pointiert und doch entspannt. Das von Rudolf Maier-Kleeblatt präzise einstudierte Orchester produziert Klangschönheit, es bewährt sich in den Feinheiten der Begleitung und in der klanglichen Balance genauso famos wie im ¸¸Radetzky-Marsch" zur Schlussverwandlung - man kann einem solchen Gassenhauer also auch Geschmack und federnde Eleganz zurückgeben.
Alle Sänger sind rollendeckend, fast alle bravourös, besonders in der Titelpartie Karl Schineis, ein Tenor mit Strahlkraft und heldischem Timbre, wie man ihn für kleine Bühnen wohl nicht oft findet, und Sieglinde Damisch/Kusterer, die mit markantem Alt der Czipra Autorität verleiht. Hoch zu loben ist der Chor für Wandlungsfähigkeit, Spielfreude und musikalische Wachsamkeit. Ein Gewinn sind die professionellen Tanzeinlagen von Studenten einer Münchner Musical-Akademie.
Ein Operettenabend - und was könnte man besseres sagen - scheinbar ohne Anstrengung, der dank einiger Striche auch nach kindgerechter Dauer vorüber ist. Da zum Finale die patriotische Anstrengung des Krieges auch Wiener, Ungarn und Zigeuner vereint hat und sich der Krieg als immerhin so harmlos erwiesen hat, dass er sich hinter Anekdoten und Orden verstecken kann, herrschte zum Schluss Zufriedenheit und Begeisterung. Heile Welt? Heile Welt! THOMAS MIESBACH
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.68, Montag, den 22. März 2004 ,
Münchner Merkur / Tegernseer Zeitung
22.März 2004 # 68 TEG 3
Berauschend- phantasievolle Kostüme und hervorragende Solisten ließen - unterstützt von einem mitreißenden Orchester und einem großen Chor - die Vorstellung des .Zigeunerbarons* zu einer umjubelten Premiere werden.
Mit spritzigem Humor wurden die markanten Charaktere der K.u.K.-Donaunionarchie gezeichnet
Berauschend-schöne Kostüme und grandiose Stimmgewalt
Miesbach: „Der Zigeunerbaron" feierte eine umjubelte Premiere
VON KIRSTEN BAUERDORF
Miesbach - Ungarn zur Zeit der K u K-Monarchie: Vor einer düsteren, nächtlichen Kulisse heben sich die zwei furios-bunt gekleideten Zigeunerinnen Czipra (souverän: Siglinde Damisch-Kusterer) und Saffi (stimmgewaltig: Christin Mollnar) ab und führen Bannkay (überzeugend: Rafael Alvader) der sich auf den Trümmern seines Vaters Boden befindet, in die Tücken des frisch geerbten Grundes ein. Hier soll ein Schatz vergraben sein, den zu heben just in dieser Nacht sich die schöne Arsena, stimmlich und komödiantisch herausragend gespielt von Elisabeth Artmeier, und ihr Vater, der erfolgreiche Schweinezüchter Zsupan (fulminant und stimmgewaltig: Alfred Hörmayer), wieder einmal vergeblich aufmachen.
Im fast ausverkauften Waitzinger Keller feierte am Freitag unter der dynamisch - kompetenten Ägide von Intendant Rudolf Maier-Kleeblatt das Freie Landestheater Bavern eine höchst unterhaltsame Premiere der Operette „Der Zigeunerbaron" von Johann Strauß. Gewohnter maßen wartete das Landestheater mit einer fulminanten Inszenierung, berauschend-phantasievollen Kostümen (Paul Votruba / Elisabeth Neuhäusler), einem mitreißenden Orchester, grandioser Stimmgewalt der Solisten und einem großen Choraufgebot, unter anderem mit Kindern der Parsberger Grundschule, auf.
Liebe und Leidenschaft bestimmen das Geschehen auf der Bühne Zunächst begeistert sich Barinkay vergeblich für Arsena, denn die liebt Ottokar, überzeugend gespielt von Martin M Fösel. Er ist der Sohn von Mirabella (witzig: Roswitha Dierck) und Conte Carnero (herausragend: Theo Thünken). dem übereifrigen Staats- und Sittenmann, der seine Gemahlin zwar lumpige 24 Jahre nicht mehr sah und auch von seinen Vaterfreuden nichts ahnte, sich aber um so schneller wieder in den Ehetrott einfügt. Nach manchen Irrungen verliebt sich Barinkay kurzerhand aufs Neu und bekommt Saffi, die schönste Maid aus den Zigeunerreihen, zur Braut, wird zum Baron gekürt und findet zufällig auch noch den Schatz auf eigenem Grund und Boden. Den allerdings will ihm der Conte zunächst streitig machen, weil es sich um verschollenes Staatsgeld handeln könnte - und auch die Eheschließung betrachtet er, in pingeliger Pedanterie, als ungültig, da kein Pfarrer und andere Zeugen zugegen waren. Zu allem Überfluß verblüfft Saffi durch ihre aristokratische Herkunft und ist Barinkay nun im Rang überlegen. Jedoch das Gute setzt sich durch. Den Schatz erhält Barinkay, der ihn sogleich aus begeistertem Patriotismus seinem Land vermacht. Und als er sich im Krieg nun auch eigene Meriten erworben hat. kann er endlich mit Saffi glücklich werden In Wien wird mit den heimgekehrten Husaren - samt Mirabella, dem Conte und Arsena, die inzwischen Mutterfreuden genießt, - das glückliche Happy End gefeiert. Und der gewitzte Schweinehirte - wunderbar gespielt und großartig gesungen - erzählt witzige und schaurigschöne Schoten von Feld und Feind. Freudvoll wirft er von seinem streitwagen-ähnlichen Gefährt scharfe Würste und saftigen Schinken zur Erbauung in die Menge - frei nach seiner geschmetterten Maxime: „Das Schreiben und Lesen war nie sein Ding gewesen, jedoch Borstenvieh und Schweinespeck!".
Das Publikum im Waitzinger Keller war nicht minder erbaut und spendete dem Ensemble begeisterten Applaus
Operettenaufführung im KUBIZ
"Zigeunerbaron" trifft den Nerv des Publikums
Romantisierende Inszenierung begeistert die Unterhachinger / Groß aufspielendes Orchester
Unterhaching Nach längerer Abstinenz hat sich das KUBIZ wieder dem Freien Landestheater Bayern geöffnet, und der Erfolg war überwältigend. "Der Zigeunerbaron" erwies sich, wie vor Jahren "Die Fledermaus", als Publikumsmagnet, beide Johann-Strauß-Operetten vom Freien Landestheater Bayern in exzellenten Inszenierungen. An den Inszenierungen scheiden sich freilich die Geister. Was das Publikum liebt, nennt der (die) Intellektuelle "platte Eins-zu-eins-Inszenierung".
Das Freie Landestheater Bayern hat für den "Zigeunerbaron" in Marcus Schneider einen Regisseur gefunden, der die Kirche beim Dorf, das heißt in diesem Fall die Zigeuner samt ihrem Baron und dem "Schweinefürsten" Zsupan im ungarischen Alföld lässt. Also Gottlob diesmal keine von Max Mühlbauer erstellte bayerische Dialektfassung der Dialoge!
In der Aufführung kommt die Zigeunerromantik (und nicht nur diese) bereits im Bühnenbild und in den Kostümen zu ihrem vollen Recht: Naturalistisch gestaltete Schlossruine, Schatzgräber, Liebespaar in einer offenbar sehr lauen Mondnacht und: "Habet acht, die Zigeuner sind da!" Man hat den "Zigeunerbaron" viel geschmäht oder auch zu entschuldigen versucht: "Der dramatische Nerv der Musik lässt den Hörer die romantisierende Sentimentalität und die pathetischen Übersteigerungen des Textes vergessen."
Das aber will der Besucher dieser Operette gar nicht vergessen, sondern genau darum und natürlich der Musik wegen kommt er. "Der Zigeunerbaron" spricht gezielt die bürgerlichen Sehnsüchte an und unübersehbar auch spießbürgerlichen Patriotismus. Das zeigte die sehr aufwändige Inszenierung dieser K- und-K.-Operette deutlich. Der Radetzky-Marsch als Einlage unterstrich den K.-und-K.-Patriotismus fast zu sehr.
Dirigent und Intendant Rudolf Maier-Kleeblatt, sein groß aufspielendes Orchester, der engagiert singende Chor sowie vorzügliche Solisten kosteten vor allem die Romantik der Musik (und der Liebe, die hier als "Himmelsmacht" besungen wird) aus. "Als flotter Geist, doch früh verwaist" (und weit gereist) stellt sich Barinkay in seinem Auftrittslied vor. Karl Schineis stellte sich damit als probater Operettentenor vor. Christin Molnar ist eine sehr überzeugende Saffi und Siglinde Damisch - eine späte, aber großartige Entdeckung des Freien Landestheaters - ist für die Rolle der Zigeunerin Czipra ideal. Für Alfred Hörmayr ist der Schweinezüchter Zsupan mit seinem Auftrittslied "Ja, das Schreiben und das Lesen" eine Paraderolle. Der Riesenerfolg zeigt, dass die bürgerliche Operette gerade in den Bürgerhäusern, auf die unsere Gemeinden ja sehr stolz sind, ihren angestammten Platz hat.
ADOLF KARL GOTTWALD
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.74, Montag, den 29. März 2004 , Seite 2
Schweinespeck und fröhlicher Gesang
Das Freie Landestheater Bayern führt im Kurhaus den "Zigeunerbaron" auf
Bad Tölz - "Das Schreiben und das Lesen ist nie mein Fach gewesen." Unumwunden gibt Kalman Zsupan seine Schwächen zu. Der selbst ernannte Schweinefürst im Ungarn der k & k-Monarchie verfolgt andere Ziele, die ihm zu Wohlstand und Macht verholfen haben. Borstenvieh und Schweinespeck stehen im Mittelpunkt seiner Lebensphilosophie, und so durften diese nützlichen Tierchen natürlich nicht fehlen bei der Aufführung der Operette "Der Zigeunerbaron" im Tölzer Kurhaus. Dass die vierbeinigen Glücksbringer aus Pappe waren und auf Rädern liefen, ermöglichte einen störungsfreien Ablauf der Handlung auf der Bühne und damit einen genussvollen Abend für die knapp 450 Zuschauer.
Seit annähernd 20 Jahren steht die Tölzer Volkshochschule mit dem Freien Landestheater Bayern in Verbindung und bringt mit dessen Gastspielen kulturelle Höhepunkte in den Veranstaltungskalender der Kreisstadt. Mit dem "Zigeunerbaron" hat sich das ambitionierte Musiktheater-Ensemble mit Geschäftssitz in Miesbach ein Werk von Johann Strauß (Sohn) vorgenommen, das der auch als Operettenkönig bezeichnete Komponist auf der Höhe seiner Meisterschaft geschaffen hat.
Rund 80 Mitwirkende ließen unter Leitung von Rudolf Maier-Kleeblatt die Geschichte um den Remigranten Sandor Barinkay, der nach Jahren im Exil die kriegsbedingt enteigneten Liegenschaften seines Vaters zurückhaben will, mit Temperament und Können in der räumlich beschränkten Kulisse aufleben. Dass manche Solisten auch auf den großen Opernbühnen zu Hause sind, garantierte der Vorstellung ein hohes Niveau.
Mit ihrer besonders voluminösen Sopranstimme bestach Christin Mollnar in der Rolle des Zigeunermädchens Saffi, ebenfalls imposant im Duett mit ihrem Bühnen-Partner Karl Schineis. Roswitha Dierck als unberechenbare Gouvernante Mirabella brachte eine gute Portion Komik mit ein. Zur Pointe und zum Amüsement des Publikums geriet der Einwurf des kaiserlichen Kommissärs Carnero (Theo Thünken), der in Sorge um seine berufliche Zukunft sein Amt am liebsten in Brüssel ausgeübt hätte, weil es dort die besten Diäten gäbe.
Die vom Chor getragenen Passagen füllten fulminant den Raum, dazu kurze Tanzeinlagen und Chorkinder der Grundschule Parsberg als Statisten im bunten Treiben des Geschehens. Mit anhaltendem Applaus und zahlreichen Vorhängen bedankten sich die Zuschauer für den erfrischenden, hervorragenden Abend.
Rosi Bauer mm Datum: 10.05.2004
Freud und Leid in der Puszta
Paprika im Blut und Csardas in den Beinen: Mit dem "Zigeunerbaron", der 1885 uraufgeführt wurde, hat Johann Strauß das Genre der ungarischen Operette begründet. Zugleich gehört die Geschichte um den jungen Sandor Barinkay, dessen musikalischer Bearbeitung Ohrwürmer wie "Ja, das alles auf Ehr" oder "Wer uns getraut" zu verdanken sind, zu den bekanntesten Werken des österreichischen Komponisten. Am Freitag präsentierte das Freie Landestheater Bayern die beliebte Operette - mit so skurrilen k.u.k.-Protagonisten wie dem gerissenen Schweinefürsten Zsupan - im Kurhaus. Zur Freude des Publikums: Die Zuschauer der restlos ausverkauften Aufführung quittierten die Darbietung mit begeistertem Applaus. SZ/Foto: man
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.108, Dienstag, den 11. Mai 2004 , Seite 3








